Ist jetzt ein Atomkrieg in Europa möglich?

Erstellt von Martin Pfleger, BPRef. |

Zu Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffs Russlands auf die Ukraine drohte der russische Präsident Putin bei Einmischung des Westens (gemeint: die NATO) Konsequenzen an, die „größer sind als alle, denen (der Westen) in der Geschichte ausgesetzt war“. Über die Gefahr eines Atomkrieges in Europa, welche Folgen dies auf Österreich haben könnte und mit welchen Auswirkungen Österreich rechnen müsste, darüber sprach BPRef. CR Martin Pfleger mit Oberst des höheren militärfachlichen Dienstes Erwin Richter vom ABC-Abwehrzentrum in Korneuburg.

 

 

CR Martin Pfleger: Am 24. Februar 2022 richtete Putin seine Drohung an den Westen. Müssen wir mit einem Atomkrieg in Europa rechnen?
Oberst Erwin Richter: Diese unverhohlene Androhung könnte einen möglichen Einsatz von Nuklearwaffen implizieren. Der Hinweis auf das Nuklearwaffenarsenal durch Putin sollte vielmehr eine abschreckende Wirkung gegenüber der NATO entfalten. Solange es kein massives Engagement der NATO in der Ukraine gibt – und darauf deutet nichts hin – ist die Gefahr eines Nuklearschlags sehr gering. Zumal dieser eine Reaktion des Westens auslösen würde.

Über welche Atomwaffen verfügt Russland?
Russland war Anfang 2021 mit deutlichem Abstand das Land mit den meisten Nuklearwaffen der Welt. Von den geschätzten 6.375 nuklearen Sprengköpfen Russlands dürften etwa 1.500 auf strategischen und etwa 2.000 auf taktischen Waffensystemen einsatzbereit sein. Russland hat in den letzten Jahren sein Nuklearwaffenarsenal modernisiert und neue Einsatzmittel (z. B. Überschall-Flugkörper) eingeführt.

Was ist der Unterschied zwischen strategischen und taktischen Atomwaffen?
Strategische Nuklearwaffen sind auf Systemen mit großer Reichweite vorhanden, die Ziele im Hinterland eines Gegners treffen sollen und sehr hohe Sprengkraft entwickeln. Sie können von Land (z. B. mit Interkontinentalraketen), aus der Luft (mit Langstreckenbombern) oder von U-Booten abgefeuert werden. Taktische Nuklearwaffen sind Gefechtsfeldwaffen mit einer Reichweite bis ca. 500 km und geringerer Sprengkraft. Sie sollen gegnerische Streitkräfte und „kleinere Ziele“ bekämpfen. Zu ihnen zählen auch die sogenannten „Mini-Nukes“ mit  einer Sprengkraft, die auch schon mit konventioneller Munition erreicht werden kann. Sie werden in der Regel von speziellen Artilleriesystemen verschossen. Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki 1945 wären in diese Kategorie einzuordnen.
Wäre ein Atombombeneinsatz nicht ein Bruch des Kriegsvölkerrechts?
Grundsätzlich sind all jene Waffen verboten, die sich nicht gegen militärische Ziele richten und zudem unnötige Leiden verursachen. Russland hat eine Reihe von internationalen Abrüstungsverträgen unterzeichnet, welche die Reduzierung von Nuklearwaffen oder das vollständige Verbot von Nuklearwaffentests zum Inhalt haben. Bilaterale Verträge mit den USA, wie der vorläufig bis 2026 gültige „New START-Vertrag“, verpflichten beide Seiten, ihre strategischen Nukleargefechtsköpfe auf 1.550 und deren Einsatzsysteme auf maximal 800 zu begrenzen. Zu den taktischen Nuklearwaffen gibt es leider kein begrenzendes Abkommen. Nach der Nuklearwaffendoktrin betrachtet Russland Nuklearwaffen ausschließlich als Mittel der Abschreckung, deren Einsatz die Ultima Ratio ist. Jedoch gibt es eine Reihe von Situationen internationaler Spannungen und direkter Konfrontationen, in denen Russland Nuklearwaffen einsetzen würde. 

Wer ordnet in Russland einen Atombombeneisatz an?
Der Präsident als oberster Kommandeur könnte einen nuklearen Waffeneinsatz initiieren. Der Einsatz ist somit grundsätzlich eine politische Entscheidung. Es wird angenommen, dass in Russland drei „Atomkoffer“ vorhanden sind: einer beim Präsidenten, einer beim Verteidigungsminister und einer beim Generalstabschef. Jeder davon hat einen eigenen Code, der die anderen ergänzen muss, ehe die Freigabe erfolgt. Ohne diese drei Codes sind die Nukleargefechtsköpfe nicht funktionsbereit. Sind diese unvollständig, wären die Raketen zwar abfeuerbar, es käme jedoch nicht zu einer Nukleardetonation, sondern zu einem „fizzle“ – einem Verbrennen des spaltbaren Materials ohne Kettenreaktion (vergleichbar einer „Dirty Bomb“).

Hätte ein Atombombeneinsatz Auswirkungen auf Österreich?
Der Einsatz einer taktischen Nuklearwaffe im Kriegsgebiet hat unmittelbar im Detonationsbereich gravierende lokale Sofortwirkungen. Erfolgt ein Einsatz als sogenannte Bodendetonation, verbreitet sich radioaktiver Niederschlag. Über Ausmaß und Intensität entscheiden verschiedene Faktoren, deren wichtigster die Wetterlage ist. Bei unsteten oder umlaufenden Winden in unterschiedlichen Höhen nimmt das Gebiet des radioaktiven Niederschlags sehr komplexe Formen an, möglicherweise mit Stellen hoher Konzentration, sodass es schwierig ist, eine exakte und langfristige Vorhersage über das Niederschlagsgebiet zu erstellen. Die Entfernung Österreichs zum Kriegsgebiet erlaubt eine gewisse Vorlaufzeit zum Treffen von Maßnahmen, die Auswirkungen schätze ich als gering ein.

Welche Gefahren gehen von den ukrainischen Atomkraftwerken aus?
In der Ukraine laufen 15 Druckwasserreaktoren an vier Standorten (Khmelnitsky, Riwne, Süd-Ukraine und und Saporischschja). Die Atomkraftwerke sind mit mehreren Sicherheitssystemen ausgestattet, die sie vor Erdbeben, Sabotage, Flugzeugabstürzen oder gar Kampfhandlungen schützen sollen. Am Standort Tschernobyl sind inzwischen alle Reaktoren stillgelegt. Das staatliche Messnetz der Ortsdosisleistung in der Sperrzone von Tschernobyl MEDO ist nicht mehr online verfügbar. Über dem alten Sarkophag wurde 2016 eine neue Schutzhülle, das New Safe Confinement,  in Betrieb genommen. Im Falle deren Zerstörung könnte es zu einer geringen, lokal begrenzten Freisetzung von radioaktiven Stoffen kommen – ebenso, wenn es zu einer Freisetzung aus dem Abklinglager von Kernbrennstoffen kommt. Laut IAEA-Chef Rafael Grossi sei die Betriebssicherheit der 15 aktiven AKWs gewährleistet. Zwei Lager für leicht- und mittelradioaktive Abfälle (bei Kiew und Charkiw) waren von Kampfhandlungen betroffen; radioaktive Stoffe wurden dabei nicht freigesetzt. Eine beabsichtigte Freisetzung durch den gezielten Beschuss eines Reaktors gilt als unwahrscheinlich.

Gibt es auch andere mögliche ABC-Gefahren?
Präsident Putin hat angekündigt, auch ukrainische Industrieanlagen angreifen zu wollen. Es gibt eine Reihe chemischer Industrieanlagen, deren Zerstörung möglicherweise zu regionaler Freisetzung chemischer Gefahrstoffe führen könnte. Die USA befürchten auch die Inbeschlagnahme der ukrainischen biologischen Forschungslaboratorien, in denen gefährliche Krankheitserreger vorhanden sind und den Einsatz chemischer Kampf- und Gefahrstoffe, vergleichbar mit den Giftgasangriffen im Syrien-Konflikt. Im gegenwärtigen „Informationskrieg“ wäre dies auch leichter zu verschleiern.

Welche Rolle spielt die ABC-Abwehr des Österreichischen Bundesheeres?
Die ABC-Experten des Österreichischen Bundesheeres informieren und beraten die politische und militärische Führung in allen Ebenen über die aktuellen Entwicklungen. Dazu erstellen sie auch Prognosen über den radioaktiven Fallout, über allfällig zu treffende Vorsorgemaßnahmen und über Einsatz- und Unterstützungsmöglichkeiten des Bundesheeres im Anlassfall.
Die ABC-Abwehr des Bundesheeres verfügt über ein Vorhersagesystem, welches die mögliche Ausbreitung von radioaktiven Wolken prognostiziert. Die ABC-Abwehr ist weiters mit Geräten zur Detektion (Feststellung und Probenahme) und Dekontamination ausgestattet. Darüber hinaus haben alle Soldaten des Bundesheeres eine persönliche ABC-Schutzausrüstung, um die Erhaltung der Einsatzbereitschaft sicherzustellen. Zusätzlich kann die ABC-Abwehr bei Bedarf eine Versorgung mit gereinigtem Wasser sicherstellen. 
Weiters unterstützt das Österreichische Bundesheer bei Maßnahmen zur Evakuierung, zu Proben- und sonstigen Transporten sowie zur allgemeinen Versorgung der Bevölkerung.
 

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CR Martin Pfleger (li.) beim Interview mit Oberst Erwin Richter, der schon mehrfach als ABC-Experte für die UNO im Einsatz war.